Account
Please wait, authorizing ...
×

Mehr als 30 Jahre liegt die deutsche Wiedervereinigung nun bereits zurück. Für uns Schüler bedeutet dies, dass wir, wie es im Geschichtsunterricht üblich ist, auf eines der prägnantesten Ereignisse der deutschen Geschichte lediglich distanziert zurückblicken können. Bei einem Blick auf das heutige Deutschland ist es wohl schwer sich auszumalen, dass vor gerade einmal drei Jahrzehnten 16 Millionen Deutsche hinter den Mauern eines kommunistischen Regimes gefangen waren. Zwar lassen sich diese Fakten durch das Lesen eines Geschichtsbuches problemlos aufnehmen, ein Gespür bzw. eine Sensibilität dieser Tatsache gegenüber wird somit allerdings nicht entwickelt. Daher bleibt die DDR im Verständnis vieler oft ein geschichtliches Thema wie jedes andere.

Als interessierter Geschichte-Leistungskurs, der sich bereits seit einiger Zeit mit der deutschen Teilung befasst hatte, waren wir daher umso erfreuter, den DDR-Zeitzeugen Alexander Richter, begleitet von Herrn Dr. Frank Hoffmann (Uni Bochum), von der „Vereinigung der Opfer des Stalinismus“ (VOS) in einer Videokonferenz  begrüßen und befragen zu dürfen.

Alexander Richter, geboren 1949, dem Gründungsjahr der DDR, ließ uns an seinen Erinnerungen aus 35 Jahre Leben in der der DDR teilhaben und erklärte anhand seiner Lebensgeschichte exemplarisch Missstände, die in der DDR herrschten. Herr Richter wuchs in Potsdam auf und durchlebte eine, wie es für die DDR üblich war, vom Sozialismus geprägte Kindheit und schulische Laufbahn. Als intelligenter Schüler schloss er die Grundschule als Klassenbester ab, war allerdings fortschreitend sowohl einer akademischen als auch beruflichen Laufbahn zugeteilt worden, die ihn nicht erfüllte.

Diese Unzufriedenheit, für die er das System der DDR verantwortlich machte, gepaart mit den Einflüssen der in den 1960er Jahren aufkommenden „Beat-Zeit“, führten zu einem Umdenken bei Herrn Richter. Der einstige stolze Pionier begann, sich kritischer mit der SED-Diktatur und der sozialistischen Wirtschaft auseinanderzusetzten. Er begann, in Manuskripten an eine damalige Freundin aus der BRD über die prekären Umstände der DDR zu schreiben. Dass fast jeder seiner Briefe vom Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) abgefangen und überprüft wurden, war ihm zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. Es folgte eine fünfjährige Überwachung, während der er akribisch von der Stasi überwacht wurde. Dabei erzählte uns Herr Richter auch, zu welchen weitreichenden Mitteln die DDR griff, um ihre Bürger zu kontrollieren. Von verwanzten Wohnungen, wie es bei Herrn Richter der Fall war, bis hin zu Arbeitslagern und Folter: keine Einschüchterungsmethode blieb unversucht.

Allerdings blieb es im Falle von Herrn Richter nicht bei einer Überwachung, denn 1982 wurde er auf offener Straße von Stasi-Mitarbeitern festgenommen, für seine regimekritischen Schriften als Antikommunist abgestempelt und zu mehreren Jahren Zuchthaus verurteilt. Eingesperrt in einer kleinen Zelle mit Verbrechern aller Art, darunter auch Mördern, sah die Situation zur damaligen Zeit für Herrn Richter schlecht aus. Zu seinem Glück allerdings setzte sich seine Mutter vehement für einen Häftlingsfreikauf seitens der BRD ein, welcher dann nach zwei Jahren Haft auch erfolgte.

In der BRD angelangt, wurde Herr Richter nun mit einem neuen wirtschaftlichen System, einer anders ausgerichteten Gesellschaft und einer völlig neuen Art zu Leben konfrontiert. Trotz des Mauerfalls kehrte er nicht nach Ostdeutschland zurück und lebt heute mit seiner Familie in Nordrhein-Westfalen.

Nach der Vorstellung seiner Biographie folgte eine Fragerunde, die von uns Schülern dazu genutzt wurde, unsere Fragen über die DDR zu stellen, die seitens Herrn Richters alle sehr ausführlich und verständnisvoll beantwortet wurden. Wir bedanken uns daher ganz herzlich bei Herrn Richter und dem Moderator Herrn Dr. Hoffmann für die durch sie neu gewonnenen Eindrücke. Die Veranstaltung stellte mit Sicherheit eine aufschlussreiche und authentische Alternative zum normalen Schulalltag dar, die uns einen wichtigen Teil der deutschen Geschichte stärker und präsenter vor Augen geführt hat.

Jonas Thünker, Q2